Vorlauf

Lutz Dammbeck
Der Film HERAKLES (1979 – 1984)

Nun, dachte ich 1979, habe ich alles beisammen, um einen großen Wurf zu wagen. Zwei kryptische und geheimnisvolle Texte, Fotos, alte 16mm- und 8mm-Filme, die ich teils selbst gedreht oder von verschiedensten Dachböden geklaubt hatte und die ausgerollten thematischen Fäden in verschiedenste Richtungen, denen ich nun mit meinen Recherchen folgen wollte.
Das Korsett des Animationsfilms und der Radius meiner bisherigen grafischen Versuche war mir zu eng geworden. Bei der Arbeit für meine Animationsfilme „Der Schneider von Ulm“ und „Einmart“ hatte ich begonnen, mit Fotosequenzen zu experimentieren, die ich anschließend übermalte und mit Foto- und Sackleinwand oder Pappe mit grobem Hanf vernähte. Die Montage disparater Materialien und Motive faszinierte mich mehr und mehr. Und an all diesen Fundstücken hingen Geschichten, verbarg sich Geschichte. Und auf einmal war es „politisch“ in meiner Kunst geworden, unversehens und ungewollt.
Bei meinen täglichen Ausfahrten meiner Tochter Sophie im Kinderwagen, das Diktaphon im Gepäck und Ideen für den Text für einen inneren Monolog der Titelfigur von EINMART notierend, war ich eines Tages an einem toten Flussarm des Leipziger Auenwalds auf eine Gedenktafel gestoßen.
Die Tafel verwies auf ein Kapitel des Antifaschistischen Widerstands in Leipzig. Mitglieder der Illegalen KPD-Widerstandsgruppe „Kresse/Schumann“ sollten hier, als Ausflügler getarnt, in Ruderbooten illegale Treffs abgehalten und  konspiratives  Material weitergegeben haben. Das hatte mich interessiert und animiert, Näheres darüber zu erfahren. Warum nicht die Gründungslegitimation der DDR, den antifaschistischen Widerstand, einmal ernst nehmen?
Mein erster Besuch im Archiv der Bezirksleitung der SED rief dort Verwirrung und Erstaunen hervor: „WAS WOLLEN SIE?“ Man verwies mich auf ein Büro der VVN (Verfolgte des Nationalsozialismus) im gleichen Hause, zwei Treppen tiefer.
Dort stieß mein Interesse ebenfalls auf Misstrauen: „Weshalb interessieren Sie sich denn so für diese Tafel?“ Das Büro des Archivs war nur einmal in der Woche besetzt. Ich schien seit längerer Zeit der erste Interessent zu sein.Eine Woche später. Ein alter Genosse saß in dem langgestreckten Raum mit revolutionären Devotionalien an einem leeren Tisch, zu seiner Rechten und Linken kleine Schreibtische mit einer Reihe verschlossener Schubladen. Die Tafel im Auenwald war ihm unbekannt. Er bedauerte, mir nicht mehr dazu sagen zu können, als auf der Tafel stand. Er zog eine der Schubladen der beiden kleinen Schreibtische auf, der er eine kleine Broschüre entnahm, die von der SED-Bezirksleitung zum Thema „Widerstand“ herausgegeben worden war. Bis auf die Broschüre war die Schublade leer. Unwillkürlich dachte ich: und die anderen Schubladen sind auch leer. Er zuckte verlegen mit den Achseln. Der langgestreckte Raum, die Marx-, Engels- und Leninbüsten, zwei gekreuzte rote Fahnen mit Schärpen drapiert, der alte müde graue Mann. Nach einer langen Pause erklärte er mir, dass kaum Belege aus den Jahren der Illegalität existierten. Die letzten hoch betagten Überlebenden der KPD und  des Widerstands wurden erst spät befragt. Das Protokollierte war ungenau und lückenhaft. Die Protokolle dieser Befragungen lagen im Staatsarchiv der DDR und seien für mich nicht einsehbar.
Ich kam mir wie ein Eindringling vor, der im Verdacht steht, Verborgenes aufdecken zu wollen. Beim nächsten Versuch, mich im Archiv anzumelden, scheiterte ich schon an der Pforte. Vom illegalen Widerstand gab es keine Fotos, Schnappschüsse, Filmstreifen oder Dokumente. Wie kam dann aber Geschichte und Geschichtsschreibung zustande? Stimmte das überhaupt, was auf der Tafel behauptet wurde? Was war davon Realität, was war Fiktion? Konnte Fiktion zur Geschichte werden? Eine Erfindung zur Legitimation für eine Ideologie, die sich „wissenschaftlich“ nannte?  Mein Interesse war geweckt.

Eine Rückblende: 1978 hatte meine erste filmische Erfahrung mit der Non-Cameratechnik zum Exposé für einen „Kombinationsfilm“ mit dem Arbeitstitel METAMORPHOSEN 2 geführt, den ich unterstützt durch Mittel des Staatlichen Kulturfonds der DDR realisieren wollte. (1) 1979 sah ich gute Chancen, dass eines der DEFA-Studios dieses Projekt unterstützen würde. (2)
1980 entwickelte ich aus diesem Exposé das Szenarium für einen „14-18minütigen Experimentalfilm“, der als „Filmcollage“ aus s/w Realfilm und verschiedenen Formen von Animation konzipiert war. Die Dreharbeiten sollten 1981 beginnen. (3) In dieser Phase der Vorarbeiten erschien 1983 in der DDR das Buch „Die Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss. Und nun ließen sich für mich die Dinge verknüpfen, die bisher so unverbunden vor mir auf dem Ateliertisch gelegen hatten: die Tafel im Leipziger Auenwald – der Text von Heiner Müller und das Märchen vom eigensinnigen Kind. Es würde also im Film um die „Leerstelle Herakles“ gehen und um die historischen wie die aktuellen Versionen dieser Figur. Das bisher gesammelte Material und die Erfahrungen aus meinen filmischen wie malerischen Versuchen sollten nun in einer großen Film-Collage zusammenfinden.

Im Juni 1981 hatte ich eine längere Exposé-Fassung entwickelt, deren Realisierung aber im Studio als „ästhetisch fehlgeleitet“ abgelehnt wurde. Daraufhin schickte ich das Konzept samt dem Storyboard in das Ministerium für Kultur der DDR, zu Händen des Leiters der Hauptverwaltung (HV) Film, Horst Pehnert. Sein Stellvertreter sagte mir daraufhin eine Prüfung meines Vorschlags zu. (4) In der Zeit des Wartens auf eine Entscheidung verwandelte sich das Szenarium zunächst in ein „Ideenkonzept für den Film Herakles“ (5), später in „HERAKLES - eine experimentelle Collage“. (6) Der Film sollte zwischen 1983 und 1985 realisiert werden. Der Kameramann Thomas Plenert hatte seine Mitarbeit zugesagt. Im Januar 1984 organisierte ich erste Proben mit der Tänzerin Fine Kwiatkowski, die im HERAKLES-Film mitspielen sollte, (7) die im Berliner „Aktionsraum Sredzkistraße“ stattfanden, und mit einer VHS-Kamera aufgezeichnet wurden.
Im Februar 1984 erfolgt dann die endgültige Ablehnung des Projekts durch die HV Film im Ministerium für Kultur der DDR, weil u.a. „dieses Vorhaben die Möglichkeiten des Mediums, für das wir Filme produzieren, die Kinoleinwand, verfehlt...Kino aber, wenn es leben will, muss sich nun einmal an ein Massenpublikum wenden. Der Spielraum für Experimentelles ist erfahrungsgemäß begrenzt.“ (8) Daraufhin griff ich frühere Überlegungen für einen Film als „Spiel im Raum“ auf und konzipierte den ursprünglich geplanten HERAKLES-Film als „Mediencollage“, bei der sich Film, Video, Tanz, Musik, Malerei und Aktion im Raum miteinander verbanden.
Am 24.6.1984 fand die erste Aufführung einer Mediencollage im Leipziger Klubhaus Nationale Front (NATO) statt (siehe dazu auch das Kapitel Mediencollagen).
Als Sammelbegriff für die parallel zu den Proben und Aufführungen entstehenden Bilder, Collagen, Fotos und Texte wählte ich den Titel: „Herakles Konzept“. 1984 entwickelte ich einen ersten Entwurf für die bildkünstlerische Umsetzung des Herakles-Konzepts als Installation, den ich für die 17. Bezirkskunstausstellung 1985  im Leipziger Museum der Bildenden Künste einreiche, der aber von der Jury abgelehnt wurde.

Anmerkungen

1 „Exposé für einen Kombinationsfilm“ mit dem Arbeitstitel „Metamorphosen 2“ vom 26.November 1978 von Lutz Dammbeck
2 Schreiben von „Grümmer/Chefdramaturg“ des DEFA-Studios für Trickfilme Dresden an Lutz Dammbeck, datiert 24.Mai 1979
3 Manuskript von Lutz Dammbeck, 6 Seiten, datiert Leipzig 24.September 1980
4 Schreiben von Dr. E.Ugowski an Lutz Dammbeck, datiert 15.Juni 1981
5 Manuskript von Lutz Dammbeck, 8 Seiten, datiert 14.Oktober 1981
6 „Herakles – eine experimentelle Collage“, Originalmanuskript von Lutz Dammbeck, datiert 20.Juni 1983
7 Brief von Lutz Dammbeck an Fine Kwiatkowski, datiert 9.September 1983
8 Brief von Horst Pehnert an Lutz Dammbeck, datiert 3.Februar 1984

(Alle Materialien: Archiv Lutz Dammbeck, Akademie der Künste, Berlin)